US-Wahlen: Wie konnten sich die Umfragen so irren?

Noch am Abend der Wahl hat die ARD einen Sieg von Hillary Clinton im Rennen um das Weiße Haus vorausgesagt, zu Unrecht, wie wir heute wissen. Nur der neuste Fall in einer Reihe von falschen Vorhersagen von Demoskopen in jüngster Zeit. Wie kann das sein? Haben wir den Bezug dazu verloren, was die Menschen wirklich bewegt? Ist es gar eine bewusste Beeinflussung der Medien? Oder sollten wir vielleicht unser Verständnis von Statistiken hinterfragen?

Gleich zu Beginn des ARD Wahlspezials präsentiert Jörg Schönenborn die Zahlen von ABC, in denen Hillary Clinton ein Vorsprung von 4% prognostiziert wird. 47% Clinton, 43% Trump, ein Sieg für Clinton. Die Vorhersage war erstaunlich exakt und trifft Stand heute (10.11.2016) zu. Clinton hat tatsächlich die Mehrheit der Stimmen, 47,7%. Mit einer Stichprobengröße von knapp über 2.000 wurde hier das Wahlverhalten von 120 Millionen Wählern auf das Prozent genau vorhergesagt. Die Fehlertoleranz gibt ABC mit 2,5% an, insofern trifft die Prognose für Donald Trump, der nach aktuellem Stand 47,5% der Stimmen auf sich vereinen konnte, nicht zu. Mit 2,2% ist die Abweichung aber auch alles andere als ungewöhnlich.

Nun kann man sich in den USA bekanntlich, dank des viel zitierten komplizierten Wahlrechts, von der absoluten Mehrheit der Stimmen nichts kaufen. Donald Trump wird wohl der fünfte US-Präsident in der Geschichte, der gewählt ist, obwohl er nicht die Mehrheit der Stimmen erreicht hat. Zuvor gelang das George W. Bush, Benjamin Harrison, Rutherford B. Hayes und John Quincy Adams.

Dieses System des Mehrheitswahlrechts, dass gerade in Deutschland häufig als ungerecht wahrgenommen wird, kommt übrigens auch bei den britischen Parlamentswahlen zum Einsatz und sorgt dort für noch viel stärkere Verzerrungen, da sich in Großbritannien mittlerweile eine Mehrparteiensystem etabliert hat. So erhielt zum Beispiel die schottische SNP bei den letzten Wahlen 4,7% aller Stimmen, aber 8,6% aller Sitze.

Die noch spannendere Prognose war daher die, die Clinton einen Vorsprung von 268 zu 180 Wahlmännerstimmen vorhersagte. Hier ist zunächst einmal festzuhalten, dass sich die Prognose über 43 der 50 Staaten eine Aussage zutraut. Von diesen 43 Vorhersagen haben lediglich 3 (namentlich Wisconsin, Michigan und Pennsylvania) nicht zugetroffen. 

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Quelle: ARD

Wisconsin hat Trump mit einem Vorsprung von genau einem Prozent gewonnen, Michigan mit einem Vorsprung von 0,3% und Pennsylvania immerhin mit einem Vorsprung von 1,2%. Alle Ergebnisse so knapp, dass sie unmöglich verlässlich vorhergesagt werden können. Dass diese, einzeln gesehen, minimalen Fehler zu einer, im Ergebnis, so grob erscheinenden Fehleinschätzung führen konnten, liegt eben im Wahlsystem begründet. Entgegen zahlreicher Schlagzeilen sind es also, mal wieder, nicht die Umfrageinstitute die verloren haben und sie lagen auch nicht meilenweit daneben. Es mangelt an der Fähigkeit die Ergebnisse von Umfragen korrekt einzuordnen und der Bereitschaft der Medien diese Fähigkeit zu vermitteln. Es waren wohl – schon wieder – keine Echsenmenschen am Werk.

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